LemsenTales #2: Der Verehrer

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Verfasst von Willem Bruuk


Mutter Lemsen und ihre Söhne stiegen in das Schiff ein. „Fahrkarten!“ sagte ein Matrose. Die Witwe holte ihre und die Fahrkarten der Söhne heraus. Der Matrose nickte und lies die Familie weiterlaufen. Das Schiff war riesig und luxuriös. Nicht nur durch das Haus, sondern auch durch das Erbe des Vaters hatte die Familie viel Geld bekommen. Der Vater war nämlich Arzt. Heinrich, der älteste Sohn, wollte gleich die Schlafzimmer des Schiffes sehen. Die Mutter willigte ein. Sie stiegen drei vergoldete Treppen hinauf. Schnaufend gingen sie einen Gang entlang. Es waren drei separate Schlafzimmer, die aber alle nebeneinander waren. Frau Lemsen öffnete ihr Schlafzimmer. Ein großes Zimmer war es, sogar mit Bad. Sie ging zum Fenster ihres Zimmers. Meerblick. Das Schiff hatte gerade abgelegt. Plötzlich kamen der Witwe die Tränen. Wenn das ihr Mann noch hätte miterleben können. Er war an einem Mord gestorben. Der Mörder wurde nie gefasst. Was ist, wenn er hier auf dem Schiff ist? Aber die Witwe vertrieb den düsteren Gedanken gleich. Sie hatte so lange getrauert, da muss man sich auch erholen. Trotzdem musste sie an ihren Mann denken. Er wollte auch einmal eine Schiffsreise zur Heuinsel. Sein Wunsch wurde nie erfüllt. Als Arzt hatte er zu wenig Zeit. Sie schaute zum Bett. Ein Brief lag dort. Mit einer krakeligen Schrift stand darauf: „Mein Schatz, ich erwarte dich beim Abendessen!“ Mein Schatz? So hatte nur ihr Mann sie genannt. Doch dieser war tot. Und es war nicht seine Schrift. Und beim Abendessen? Das ist ja bald. In einer Stunde. Sie sah wieder aus dem Fenster. Sie schaute zum Himmel hinauf. „Irgendwo wirst du sein, mein… ja, im wahrsten Sinne mein Engel. Irgendwo im Totenreich, bei Gott. Ich weiß noch am letzten Tag, bei deinem Tod. Du wolltest nur etwas aus der Arztpraxis holen. Du bist gegangen und warst lange weg. Länger als sonst. Nach einer Stunde stand die Polizei vor unserer Tür. Sie sagten, du wärst tot. Ich wollte das nicht glauben und ich ging mit den Polizisten zum Tatort. Da lagst du. Blutverschmiert. Tot. Mit einem Messer im Herz. Ja, ja. Du wolltest nur einmal zur Arztpraxis gehen… und danach wollten wir Abendessen…“ Frau Lemsen weinte. Doch da klopfte es an der Tür. Sie wischte sich die Tränen ab. Da stand ihr Sohn, Richard. Er zeigte auf die Uhr. „Jetzt ist Abendessen! Auf zum Speisesaal!“ Ihr anderer Sohn Heinrich ging gerade auch aus seinem Schlafzimmer. Dann gingen alle zum Speisesaal. Die Mutter überlegte. Wer war der, der ihr den Brief geschrieben hat? Aber das leuchtete ihr gleich ein, als sie auf ihren Tisch sah. Da saß er.

Der Mensch, der gerne ihr Ehemann gewesen sein wollte. Michael. Heinrich schaute sie an. „Wusstest du davon, dass Michael hier ist?“ Frau Lemsen schüttelte den Kopf. Nein. Dann holte Frau Lemsen ihre höchsten Schauspielkünste heraus. Sie tat überrascht. „Michael? Du hier?“ Augenscheinlich kaufte es Michael ihr ab. „Hallo Gina! Ich wollte dich überraschen! Wo ist denn dein Mann? Deine Söhne sind ja nur da.“ Hatte Michael nichts vom Tod ihres Mannes mitbekommen? Es war doch groß bei den Todesanzeigen drauf gestanden, dass ihr Mann verstorben ist. „Ähm… mein Mann ist leider kürzlich verstorben.“ Michael schaute traurig. „Mein Beileid.“ Danach schüttelte er den Söhnen die Hand. Die Lemsener saßen sich hin. Zu dem Tisch, wo Michael saß. „Gita! Schön dich hier zu sehen.“ Gita… wie er sie nannte. Nie hatte er ihr das Du angeboten. „Ich wusste auch nicht, dass du hier bist, Michael.“ Frau Lemsen schaute auf die Speisekarte. Es gab leckere Menüs. Sollte sie das mit Lamm nehmen? Aber bei Lamm bekam Gita immer Bauchschmerzen. Dann doch eher das mit Rind. Und zum Nachtisch ein Kartoffelbreikern, ummantelt mit Blechdosengranulat. Lecker! Sie bekamen Eichelbrand serviert. Und der Kellner nahm gleich die Essenswünsche auf. Als Gruß von der Küche gab es echten Straßenkaugummi. Das sieht fast aus, als hätte das jemand schon gegessen. Schmeckte aber gut. Auch der Salat mit Lederstreifen war ebenfalls lecker. Nur der Rucola schmeckte wie Pelzfell. Nicht so lecker. Aber Kresse und die Endivien waren lecker. Besonders kombiniert mit dem Straßenkaugummi, der noch übrig war. Nach zwei Stunden war das Essen aufgegessen. Die Söhne gingen mit müden Gesichtern auf ihre Zimmer. Frau Lemsen wollte auch gehen. Wollte. Nur Michael hielt sie auf. Er wollte mit ihr noch auf das Deck gehen. Den Nachtmond bestaunen. Am Deck angekommen, sagte Michael: „Das tut mir leid mit deinem Mann. Messerstiche tun bestimmt weh.“ Messerstiche? Woher wusste er denn, dass sein Mann ermordet wurde und zugleich noch von einem Messer? Gita drehte sich zum Mond. „Jetzt sind nur wir zwei für uns.“ flüsterte Michael. Es war still. Plötzlich packte Michael ein Messer aus. Mit erschreckendem Gesicht sah Gita Michael an. „Was hast du vor?“ sagte sie mit zitternder Stimme. „Ich weiß, dass ich nicht so schön wie dein Mann bin. Ich wollte dich immer zur Frau. Nur du hast nur Augen für ihn gehabt. Für deinen… Schatz. Vor dem Tod deines Mannes rief ich dein Mann an. Ich habe gesagt, ich hätte ein Stechen im Herzen. Dein Mann ging schnell zur Arztpraxis. Ein guter Arzt war er. Er machte seine Arztpraxis auf. Und ich wartete schon auf ihn. Haha. Ich stach ganz schnell auf ihn ein. Ich wollte es hinter mir bringen. Ich stach auf sein Herz. Ich floh. Und beobachtete, wie du kamst. Zum Tatort. Bildhübsch.“ Michael umarmte Gita. „Nur wir zwei.“ Gita wollte sich wehren. Michael hielt schon das Messer an Gitas Kehle. „Für immer und ewig, Gita! Wenn du mich nicht haben willst, sollst du sonst keinen haben!“ Plötzlich gab es einen großes Knall. Dann kam Michael ins Schwanken. Er stürzte ins Wasser. Eine große Krake knallte gegen das Schiff. Das Schiff ist unversehrt. Sowie auch Gita. Die Krake schwamm zu Michael. Dieser versuchte mit allen Kräften, wegzuschwimmen. Doch erfolglos. Michael wurde von der Krake verschlungen. Das Böse war tot. Und Gita frei.

Ein Lichtschein strahlte auf Gita. Es fühlte sich schön an. Sie schaute zum Himmel. Vielleicht hat sie Gott oder Goso vom Himmel aus gerettet. Oder sogar ihr Mann. Aus dem Totenreich.

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