Jacky – Episode 3: Wie immer

Im Norsbroker Nystabladen erscheint unregelmäßig eine Episodengeschichte des eintralischen Autoren Saul Wiler. Die Serie »Jacky« erschien erstmals im August 2519. Sie erzählt vom besessenen Mörder Jacques und seinem religiösen Freund Mikael die eine Mordserie zu verantworten haben. Geschickte Spiele mit der Polizei, vielschichtige Hintergründe und riskante Intrigen halten die Leser im Bann.
In der dritten Episode wird Mikael mit dem dritten Mitverschwörer Ferdinand bekannt gemacht. Dieser zeigt ihm die Bürokratie des Mordens.

Mikael öffnete seine Augen und starrte auf den Namen im Telefonbuch, den sein Finger zufällig getroffen hatte. „Gustáph Kring“ las er laut vor. „Der wohnt in der Altstadt.“ Jacques amüsierte sich, als er auf die Adresse sah. „Der könnte glatt ein Nachbar von dir sein!“ rief er. „Kenste den?“ Mikael überlegte kurz. „Ne“ sagte er dann. „Der ist jedenfalls nicht bei mir in der Gemeinde.“ Jacques legte den Kopf schief und überlegte. Dann sagte er: „Schade. Aber naja früher oder später werden wir auch jemanden erledigen müssen, den du kennst.“ Dieses lachen widerte Mikael am meisten an. Wie kann das serienmäßige Ermorden von scheinbar willkürlichen Personen so eine Freude bereiten? Als aporistischer Prediger hat Mikael wenigstens in Theorie viel über den Tod und den Mord als Sünde nachgedacht. Er konnte das Morden dann wenigstens verstehen, wenn ungebändigte Wut einfach keinen Ausweg zu finden scheint, der pure Hass, eine der wenigen Empfindungen, die den Menschen von Apor unterschied, stellt unfassbares an. Aber Jacques scheint die Leute nicht zu hassen.

Mikael wollte sich nicht damit abfinden, dass sein alter Freund Jacques diese Morde aus reiner Freude begeht. Im Studium der aporischen Theologie und in seiner langjährigen Tätigkeit als Priester hat er vieles über Menschen gelernt und eine Art Wissensdurst aufgebaut, was die Grundlage der menschlichen Empfindungen angeht. Bei dem Gedanken daran, Jacques zu erforschen, seine Hintergründe und Motivation endlich zu verstehen, machte sich in ihm ein Kribbeln breit. In diesem Moment fasste Mikael den Entschluss, alles über Jacques rauszufinden, koste es was es wolle! Er musste es ergründen, er ist Menschenforscher, wenn er seinen Freund nicht entschlüsseln kann, dann kann es keiner. Mikael sah Jacques genau in die Augen und fragte dann ruhig, aber entschlossen: „Und wie geht es jetzt weiter?“ Jacques klappte das Telefonbuch wieder zu und begann durch das kleine Büro auf und abzulaufen. „Jetzt“ sagte er dann endlich, „beginnt der eigentliche Spaß.“ In diesem öffnete sich die Tür des Touristenbüros und ein junger, fröhlicher Mann kam herein. Er war ungefähr so groß wie Jacques, vielleicht ein bisschen größer, dennoch merklich kleiner als Mikael. Jacques sah kurz auf und ihm ins Gesicht. „Ferdinand“ sagte er knapp. „Du bist zu früh.“ Ferdinand setzte seine Schirmmütze ab und warf sie lässig auf den Garderobenständer. Dann knöpfte er seinen dünnen Mantel auf. „Ist das der neue?“ Fragte er Jacques und nickte Mikael dabei kurz zu. Jacques grinste „Das ist er! Möge er uns vor Apor seinen Segen aussprechen, was?“ scherzte er. „Sicher wird er das“ sagte er und lächelte seicht. Ferdinand machte auf Mikael einen charismatischen Eindruck. Er sah gepflegt aus und schien immerhin diese Euphorie des Todes mit Jacques nicht zu teilen. Dennoch arbeitete er für ihn und gemessen an dem gegenseitigen Umgang miteinander tat er das wohl schon eine ganze Weile. Ob Jacques ihn auch dazu gezwungen hatte?

Ferdinand besah Jacques eine weile, dann schaute er rüber zum Telefonbuch und dann zu Jacques. „Habt ihr schon jemanden für heute ausgesucht?“ fragte er vorsichtig. Mikael erkannte an seiner Stimme, dass Ferdinand unwohl bei dem Gedanken daran war. Jacques nickte. „Gustáph King heißt der arme Kerl. Schau nach, ob er Familie hat und zeig dem Mikael mal, wie deine Arbeit so funktioniert. Ich hol uns derweil noch einen Eichenkaffee.“ Jacques winkte Ferdinand und Mikael noch zu, dann verließ er das Büro und lief zum Bistro auf der anderen Straßenseite. Auf der Straße winkte er irgendeiner Person zu, Jacques war in Au-Dio ein beliebter Mann.

Ferdinand und Mikael blieben allein im Büro zurück. Eine unangenehme Stille füllte den Raum, Mikael hielt die Arme verschränkt, Ferdinand blickte zu Boden. „Nunja“ sagte er dann endlich, „Es nützt ja nicht viel, komm mal rüber zu mir“ er setzte sich an einen Arbeitsplatz und schaltete den Computer an. Mikael nahm sich einen Stuhl vom Nachbartisch und setzte sich zu Ferdinand. „Schau, als erstes durchsuche ich das gesamte Netz von Au-Dio nach dem zukünftig Toten.“ Erklärte er. »Gustáph Kring« stand im Eingabefeld des Suchfensters, Ferdinand drückte auf bestätigen. Nach ein paar Sekunden erschienen auf dem Bildschirm verschiedene Suchergebnisse. „Diese Ergebnisse“ fuhr Ferdinand fort, „müssen wir nun nach Alter und Relevanz sortieren. Dafür haben wir ein eigenes Computerprogramm es geht ganz einfach, du musst nur hier klicken“ Ferdinand klickte und wartete, bis sich das nächste Fenster öffnete „und dann hier bestätigen.“ Nach der Bestätigung dauerte es wieder wenige Sekunden, bis die selben Ergebnisse der Datenbank neu sortiert waren. „Identische Einträge werden dadurch zusammengeführt und alle Ergebnisse nach vorher definierten Kriterien neu aufgestellt.“ Mikael versuchte ein trockenes Nicken hervorzubringen, Ferdinand ignorierte es und fuhr fort „Nun müssen wir die Ergebnisse nur noch in dieses Kennblatt eintragen“ sagte er, nahm einen Formbogen aus einer Ablage und drückte sie Mikael in die Hand. „So einfach ist das“ beende Ferdinand seinen kurzen Vortrag.

„So einfach ist das also“ sagte Mikael leise zu sich selbst, als er sich das Formblatt durchlas. Genau in dem Moment kam Jacques wieder durch die Tür, in der Hand trug er ein kleines Tablett auf dem drei Kaffeebecher standen. „Na?“ fragte er und sah abwechselnd zu Mikael und Ferdinand, „seid ihr schon durch?“ Mikael reagierte nicht, er war noch immer vertieft in das Kennblatt, dass Ferdinand ihm gereicht hatte. Ferdinand hingegen machte sich bereits eifrig daran, das Kennblatt auszufüllen und Daten zu übertragen. Auch wenn ihm manches unangenehm war: eifrig war er trotz alledem. Als Jacques bemerkte, wie sich Mikaels Stirn faltete, als selbiger noch völlig vertieft das Kennblatt studierte, rief er ihm zu: „Mikael, mach dir nicht zu viel daraus. Für die Bürokratie sind wir gar nicht zuständig, in der Regel übernimmt das Ferdinand. Ich wollte nur, dass du mal seine Arbeit kennenlernst“ Mikael reagierte nicht „Hör mal,“ fuhr Jacques fort, „lies dir das nicht alles durch.“ Dann endlich sah Mikael auf. Er hatte schon wieder dieses Zittern, das er immer dann bekam, wenn er irgendetwas ungeheuerliches erfahren hatte. Obwohl er sich bemühte ernst zu bleiben und er Jacques sehr konzentriert ansah, bebte seine Stimme als er fragte: „Wir bringen die gesamte Familie ums Leben?“ Jacques seufzte „Den ganzen Haushalt“ sagte er dann. „Aber die Haustiere lassen wir meist leben.“ lachte er dann. Jacques war noch nie gut darin gewesen, seine Witze zurückzuhalten. Er klopfte Mikael aufmunternd auf die Schulter. „Du wirst dich daran gewöhnen“ sagte er dann. „Glaub mir.“

In der Ausbildung zum Prediger lernen die Aporisten, sich zu beherrschen wenn sie mit Extremsituationen konfrontiert werden. Man lernt seinen Atem zu kontrollieren und auch seine Gedanken in den Griff zu behalten um nicht aus sich zu fahren. Bei vielen Beichten, die die Gläubigen vor Mikael abgelegt haben war diese Ausbildung von großem Vorteil. Oft erweckte es bei den Beichtenden großes Vertrauen, wenn sie merkten, wie gehalten der Prediger reagiert. Die wichtigste Botschaft des Aporismus lautet „Apor ist Liebe“ und diese Liebe zu allen Menschen galt es von Mikael auszuleben. Aber als er erfahren hatte, dass Jacques mit seinem Mordgewerbe ganze Familien dem Tod weihte, begann er vor Wut zu kochen. Beinahe hätte er sich selbst vergessen, hätte angefangen wild zu gestikulieren und Laut zu schreien. In letzter Sekunde erst hielt er sich zurück und begann sich aufs Atmen zu konzentrieren. Es würde ja doch nichts verändern.

„Schnauf nicht so“ ermahnte ihn da Jacques „Du verpasst sonst alles, Mikael! Schau, Ferdinand ist gerade fertig mit dem Kennblatt, jetzt sind wir schon einen guten Schritt weiter“ sagte er zufrieden. Mikael versuchte sich zu beruhigen und ging rüber zu Jacques und Ferdinand. Er stellte sich hinter Jacques und schielte über seine Schulter. „Sieh mal“ freute sich Jacques „Du hast sogar Glück, das hier wird ein leichter Mord. Der Gustáph lebt seit einem Jahr getrennt von seiner Frau und seiner zweijährigen Tochter. Das heißt wir müssen nur ihn umlegen!“ Jacques grinste zufrieden und sah Mikael an. Dann klopfte er ihm wieder auf die Schulter. „Gut ausgewählt“ sagte er nur, aber Mikael brachte kein Wort heraus. Wird er diese Mordserie wirklich überstehen können? Einen Mord hatte er schon gesehen. Aber es ist sicher, dass Jacques ihm früher oder später auch eine Waffe in die Hand drücken würde. Mikael atmete noch einmal tief durch, dann fragte er Jacques: „Und jetzt, wo wir wissen wen wir den Tod bringen, ist unsere Aufgabe, zu ihm zu gehen und die Tat zu vollenden?“ fragte er vorsichtig. Jacques sah auf die Uhr. „Noch lang nicht“ rief er. „Wir treffen uns heute Abend wieder bei Joujou. Jetzt ist es fast 8, ich muss in die Kanzlei, zur Arbeit. Du kannst auch deinem Beruf nachgehen. Ferdinand schaut noch ein paar Sachen nach, er schließt dann hier ab.“ Mikael schwieg, als Jacques und er das Büro verließen und auf der Straße Richtung Innenstadt entlangliefen. „Also sehen wir uns nach der Arbeit bei Joujou, ja?“ fragte ihn Jacques, kurz bevor ihre Wege sich trennen würden. Mikael nickte nur, etwas zum Sagen fiel ihm nicht ein. „Oder besser heute Abend“ schlug Jacques vor. „So wie immer.“

Während Jacques sich schon Richtung Kanzlei aufmachte, blieb Mikael noch eine weile stehen. Er war sich bewusst, dass er sich dringend entscheiden muss, ob er mit der Polizei oder wenigstens einem Seelsorger über das Problem reden sollte. Aber ein Seelsorge bricht in solchen Fällen gern seine Schweigepflicht und geht selbst zur Polizei. Mikael hatte Jacques die Treue geschworen – niemals würde er ihn Verraten. Mit keinem würde er darüber reden, welches Spiel Jacques treibt. Erst recht nicht, bevor er es selbst rausgefunden hat. Vielleicht hat Jacques ja Recht und er gewöhnt sich früher oder später an das Morden. Das Töten ist gar nicht das spannende, viel spannender ist es für Mikael herauszufinden, was hinter dieser Mordmaschine Jacques wirklich steckt. „Jacques will Mikael dabei haben, dann soll Mikael eben dabei sein“ dachte er sich. „So wie immer“ hatte Jacques gesagt. Nichts war mehr wie immer.

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